In Minuten durch die Jahre – Kindheit und Jugend in der früheren DDR

Zeitreise mit Gesine Lange - Tochter des Bundespräsidenten a.D. Joachim Gauck

Zur ersten Frühstücksversammlung nach Corona hatten die Landfrauen des LandFrauenvereins Achim und Umgebung ins Hotel Haberkamp in Achim-Uphusen eingeladen.

Es ging darum, dass wir uns wiedersehen, uns durch ein leckeres Frühstück verwöhnen zu lassen und danach der Referentin Gesine Lange, auf die wir wegen Corona lange warten mussten, zuzuhören.

Gesine Langes Vortrag befasste sich mit ihrem Leben als Pfarrerstochter in der früheren DDR.

Gesine Lange wurde in Rostock geboren, hat ihre gesamte Kindheit und den Großteil der Jugend in der DDR gelebt, zunächst auf einem Dorf in Mecklenburg, danach dann im Neubaugebiet /Plattenbauten am Rande von Rostock. Zwei Welten prallten hier aufeinander, aber ihr Vater wurde als Pfarrer dorthin versetzt und hat dort die Kirchengemeinde aufgebaut und die Familie mußte mit.

Gesine und ihre älteren Brüder waren weder in einer Krippe noch Kindergarten gewesen und somit auch gleich als Sonderlinge abgestempelt. Mit 5 Jahren kam sie in die verpflichtende Vorschule, wo sie dann Fahnen malen gelernt hat, die DDR-Fahne, die blaue der Jungen Pioniere und die rote der Sowjetunion. Als kleines Kind lernst du auch gleich Vokabeln wie Brudervolk, Proletariat oder antifaschistischer Schutzwall, ohne zu wissen was das war. Verstanden wurde nur „Der rote Stern ist ganz wichtig und in der Sowjetunion sind lauter tolle Menschen.“

Als Kinder eines engagierten Pfarrers war es für Gesine und ihre Geschwister meist keine leichte Zeit. Sie waren Außenseiter und bekamen dies vor allem auch in der Schule zu spüren. Gesine war in keiner Pionierorganisation und hatte auch manchmal Angst in der Schule gehabt. Nur im Umfeld von Kirche und Zuhause konnte sie durchatmen und frei denken und reden. In der 9.oder 10. Klasse kam ein neues Unterrichtsfach dazu : Zivilverteidigung. Gesine Lange erinnert sich hier besonders an eine Stunde, in der sie aus Plastiktüten, einem Schal, Papiertaschentüchern und Heftpflastern Gasmasken bauen sollten, eine praktische Erprobung folgte . Alle mussten in einen abgeschotteten Raum, darin irgendein harmloses, aber übelriechendes Gas. Die Masken waren alle wirkungslos !! Handgranaten-Weitwurf gehörte ebenfalls zum Unterricht und schießen. Gesine Lange weigerte sich. Na schön, dann kann eben die ganze Klasse nicht benotet werden und fällt durch, hieß es und dann reden alle Klassenkameraden auf sie ein. Der Lehrer hält sich bewusst raus, das Kollektiv sollte das Problem lösen. Gesine Lange hat dann geschossen, in die Luft als Kompromiss und hat gelernt: „ es geht nicht um dich, es geht in diesem Staat nur um die Masse“

Nach der Schulzeit absolvierte sie eine kirchliche Ausbildung zur Kinderdiakonin.

Ihre Brüder bekamen trotz guter Noten keinen Studienplatz. Beide stellten Ausreiseanträge und konnten später mit ihren Familien in den Westen übersiedeln, 1987 - 10 Tage vor Weihnachten, auch das war wieder so eine Schikane, sie mussten diesen Termin nehmen. Wir saßen dann allein unterm Tannenbaum.

„Ich kann mich noch an so vieles aus der Zeit in der DDR, auch mit Hilfe meiner Tagebücher und Briefe, sehr gut erinnern. Eine Zeit die mich sehr geprägt hat und ich oft zurückdenken muss, erzählte sie.

1989 hat sie einen Bremer geheiratet und durfte nach Antragstellung und natürlich viel Bürokratie Ende Juni ausreisen, noch bevor die Mauer fiel. „Da war von dem Mauerfall noch nichts zu spüren“, und auch im Oktober war überhaupt noch nicht klar in welche Richtung das gehen würde, gemeint ist die friedliche Revolution. Das alles gutgegangen ist, ist vor allem Michail Gorbatschow zu verdanken und dafür ist sie ihm auch sehr dankbar.

Ich bin froh, dass diese Zeit hinter mir liegt, aber vergessen sollte man sie nicht, sondern daraus lernen, sagte sie.

Deshalb berichtet Gesine Lange heute in Schulen, Landfrauenverbänden, Kirchengemeinden und vielen anderen Gruppen als Zeitzeugin aus diesem Abschnitt ihres Lebens.

Sie lebt jetzt in Bremen-Nord, leitet einen Spielkreis in der St.Martini Gemeinde und engagiert sich dort auch ehrenamtlich. Sie hat 2 Töchter und 2 Söhne und einen kleinen Enkel.

Gesine Lange versteht es sehr mitreißend zu erzählen und es war für uns alle ein sehr angenehmer und sehr unterhaltsamer Morgen.

Bericht und Foto: Marie-Luise Wilkens